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Vielleicht musst du deine Berufung gar nicht finden

Lange dachte ich, eine Berufung müsse sich irgendwann ganz deutlich zeigen.

Vielleicht als großer Moment.
Als plötzliches Wissen.
Als Satz, der wie aus dem Nichts in den Kopf fällt:

„Das ist es. Dafür bin ich hier.“

Vielleicht gibt es solche Momente.

Ich glaube inzwischen aber, dass es auch ganz anders sein kann.

Vielleicht musst du deine Berufung gar nicht finden.

Vielleicht musst du nur irgendwann anfangen, hinzuschauen.

Denn manchmal beginnt eine Berufung nicht mit einer großen Erkenntnis. Sie beginnt mit etwas ganz Kleinem.

Einem Gedanken, der immer wieder auftaucht.

Einer Begegnung, die dich berührt.

Einem Thema, zu dem du immer wieder zurückkehrst.

Einem Buch, das dir genau im richtigen Moment in die Hände fällt.

Einer Fähigkeit, die jemand anderes in dir erkennt, lange bevor du sie selbst erkennen kannst.

Oder einem Gefühl, das du zunächst überhaupt nicht einordnen kannst.

Und manchmal sagt das Leben etwas sehr deutlich – und wir antworten:

„Nein. Das kann nicht sein.“

So kann es jedenfalls bei mir gewesen sein.

Rückblickend sehe ich inzwischen viele kleine Hinweise, die sich über Jahre durch meinen Weg gezogen haben. Damals habe ich sie nicht als zusammengehörig erkannt. Jedes Erlebnis stand für sich.

Heute sehe ich Puzzleteile.

Aber ich glaube nicht, dass ich sie damals hätte zusammensetzen können.

Vielleicht musste ich erst selbst wachsen.

Vielleicht musste ich Erfahrungen machen, Dinge ausprobieren, mich verändern, Umwege gehen und vor allem lernen, mir selbst zuzuhören.

Denn eine Berufung ist für mich heute nichts, das man sich ausdenkt.

Sie fühlt sich eher an wie etwas, das in einem selbst bereits vorhanden ist und langsam sichtbar wird.


Der Weg ist nicht immer gerade

Wir stellen uns Wege gerne als Linien vor.

Von A nach B.

Aber unser innerer Weg funktioniert selten so.

Manchmal gehen wir scheinbar in eine ganz andere Richtung. Dann begegnet uns etwas, das uns wieder zurückführt. Manchmal kommt ein Mensch in unser Leben, der einen Satz sagt, den wir Jahre später plötzlich verstehen.

Manchmal bekommen wir einen Hinweis und ignorieren ihn.

Manchmal bekommen wir ihn ein zweites Mal.

Und vielleicht sogar ein drittes.

Das Leben scheint erstaunlich geduldig zu sein.

Vielleicht müssen wir bestimmte Dinge einfach erst erleben, bevor wir sie verstehen können.

Was heute selbstverständlich erscheint, hätte uns vor fünf Jahren vielleicht noch gar nichts gesagt.

Und genau deshalb glaube ich inzwischen nicht mehr daran, dass wir unsere Berufung erzwingen müssen.

Sie darf wachsen

Vielleicht ist die Frage deshalb gar nicht:

„Was ist meine Berufung?“

Vielleicht sind andere Fragen viel hilfreicher:

Was zieht mich immer wieder an?

Was berührt mich, obwohl ich es nicht erklären kann?

Welche Themen begegnen mir immer wieder?

Was fällt mir leicht, obwohl es für andere vielleicht gar nicht so leicht ist?

Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit?

Welche Begegnungen haben etwas in mir bewegt?

Und vielleicht auch:

Was habe ich immer wieder von mir gewiesen, obwohl es auf irgendeine Weise zu mir zurückgekehrt ist?

Die letzte Frage hätte ich mir früher wahrscheinlich nicht gestellt.

Heute finde ich sie spannend.

Denn manchmal lehnen wir etwas nicht ab, weil es nicht zu uns gehört.

Vielleicht lehnen wir es ab, weil wir noch nicht bereit sind, es in uns zu erkennen.

Du musst nicht sofort wissen, wohin du gehst

Ich glaube, wir setzen uns oft unnötig unter Druck.

Wir möchten wissen, was unser Weg ist.

Was wir tun sollen.

Welche Aufgabe wir haben.

Wohin alles führt.

Aber vielleicht ist das gar nicht nötig.

Vielleicht reicht der nächste Schritt.

Ein Gespräch.

Ein Buch.

Ein Kurs.

Ein Spaziergang.

Eine Meditation.

Eine Begegnung.

Ein „Ja“ zu etwas, das sich stimmig anfühlt.

Und vielleicht auch einmal ein „Nein“, wenn etwas nicht mehr zu uns gehört.

Denn auch ein Umweg ist Teil des Weges.


Irgendwann beginnt sich etwas zu verbinden

Und dann kann es passieren, dass du eines Tages zurückblickst.

Und plötzlich erkennst du Zusammenhänge, die du vorher nicht gesehen hast.

Du erinnerst dich an einen Satz.

An einen Traum.

An eine Begegnung.

An ein Buch.

An einen Gedanken, den du damals beiseitegeschoben hast.

Und plötzlich ergibt etwas Sinn.

Nicht unbedingt alles.

Aber genug.

Dann entsteht vielleicht dieses stille Gefühl:

„Ach … deshalb.“

Nicht laut.

Nicht spektakulär.

Einfach nur tief.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem du deine Berufung nicht gefunden hast.

Vielleicht hast du sie wiedererkannt.

Vielleicht ist deine Berufung näher, als du denkst

Vielleicht wartet sie nicht irgendwo weit draußen auf dich.

Vielleicht liegt sie bereits mitten in deinem Leben.

In dem, was du immer wieder tust.
In dem, was dich berührt.
In dem, was du anderen schenken möchtest.
In dem, was dich selbst wachsen lässt.

Vielleicht musst du gar nicht danach suchen.

Vielleicht darfst du einfach aufmerksam sein.

Und deinem Leben zuhören.

Denn manchmal führt uns der Weg nicht dorthin, wo wir ursprünglich hinwollten.
Sondern dorthin, wo wir hingehören.

Und manchmal stehen wir irgendwann mitten auf diesem Weg und merken:

Ich bin längst unterwegs.

Vielleicht war das die ganze Zeit die eigentliche Aufgabe.

Nicht die Berufung zu finden.

Sondern so sehr bei sich anzukommen, dass man sie erkennen kann.


Vielleicht findest du deine Berufung nicht.
Vielleicht findet sie dich.

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