
Mein Lebenskompass

Manchmal braucht es gar nicht viel, damit etwas in Bewegung kommt.
Bei mir war es diesmal ein Wort.
Lebenskompass.
Tagelang begegnete mir dieser Begriff immer wieder. Hier eine Werbung, dort ein Hinweis, dann wieder irgendwo dieses Wort.
Irgendwann dachte ich nur noch:
Hallo? Siehst du mich nicht?
Ein Wink mit dem Zaunpfahl von links, einer von rechts – und mittendrin ich.
Vielleicht sollte ich meinen eigenen Lebenskompass schreiben.
Nicht, um mir vorzuschreiben, welchen Weg ich gehen soll.
Sondern um mich daran zu erinnern, woher ich komme.
An all die kleinen Schritte, die ich irgendwann gegangen bin, ohne zu wissen, wohin sie führen. An Entscheidungen. An ein Ja. An ein Nein. An Dinge, die ich losgelassen habe. An neue Anfänge. An Begegnungen. An Erkenntnisse. An Zeiten, in denen ich dachte, es geht nicht weiter.
Und vielleicht auch an all das, was ich längst geschafft habe und heute manchmal wieder vergesse.
Denn wenn wir mitten in unserem Leben stehen, sehen wir oft nur den nächsten Schritt.
Wir sehen nicht immer, wie weit wir schon gegangen sind.
Manchmal erinnern wir uns nur an das, was noch vor uns liegt – und vergessen dabei völlig, was bereits hinter uns liegt.
Mein Weg ist keine gerade Linie
Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir:
Mein Leben ist keine gerade Linie.
Es ist eher eine Spirale.
Ich gehe nicht im Kreis.
Ich gehe in einer Spirale.
Immer wieder komme ich an ähnliche Themen, Gefühle oder Situationen. Aber ich komme ihnen jedes Mal aus einer anderen Perspektive näher.
Und manchmal gibt es mehrere Wege.
Einen leichten.
Einen steinigen.
Einen, bei dem ich mutig springen muss.
Einen, der mich durch einen dunklen Tunnel führt, obwohl ich noch nicht weiß, was dahinter liegt.
Manchmal steht mir plötzlich eine Wand im Weg.
Dann geht es dort tatsächlich nicht weiter.
Und vielleicht ist genau das auch ein Teil des Weges.
Dann darf ich umkehren.
Nicht, weil ich versagt habe.
Sondern weil ich erkannt habe:
Hier geht es nicht weiter.
Also gehe ich zurück zu einer Stelle, an der ich noch einmal wählen kann.
Vielleicht nehme ich diesmal den anderen Weg.
Vielleicht einen, den ich vorher gar nicht gesehen habe.
Das Leben ist ein Abenteuer
Ich glaube, genau das hatte ich bei meinem Lebenskompass zunächst unterschätzt.
Ich dachte zuerst vor allem an Orientierung.
Aber das Leben ist nicht nur Orientierung.
Das Leben ist ein Abenteuer.
Es gibt Höhen und Tiefen.
Leichte Wege und schwere Wege.
Es gibt ruhige Zeiten und Zeiten, in denen alles durcheinandergerät.
Manchmal führt der Weg durch eine wunderschöne Landschaft.
Und manchmal muss ich über etwas hinweg, durch etwas hindurch oder sogar einen Sprung ins Ungewisse wagen.
Ich kann nicht immer sehen, was hinter der nächsten Kurve liegt.
Und vielleicht muss ich das auch gar nicht.
Denn wenn ich schon vorher alles wissen müsste, wäre es kein Abenteuer mehr.
Und trotzdem gibt es eine Richtung
Bei all diesen Wegen habe ich etwas erkannt:
Ich brauche nicht immer zu wissen, wie ich dorthin komme.
Aber ich darf wissen, wohin ich möchte.
In die Mitte.
Zu mir.
Zu meinem wahren Ich.
Das Licht in der Mitte ist für mich kein Ort außerhalb von mir.
Es ist das, was in mir immer da ist.
Auch wenn ich es manchmal nicht sehen kann.
Auch wenn das Leben laut wird.
Auch wenn ich mich verlaufe.
Auch wenn ich zweifle.
Mein innerer Kompass bin ich selbst.
Und vielleicht ist genau das mein persönlicher Norden:
mein wahres Ich.
Deshalb möchte ich meinen Weg festhalten
Ich möchte aufschreiben, was mich bewegt hat.
Was ich gefühlt habe.
Was geschehen ist.
Welche Entscheidungen ich getroffen habe.
Welche kleinen Schritte ich gegangen bin.
Auch die, die damals völlig unbedeutend erschienen.
Denn vielleicht sind gerade diese kleinen Schritte irgendwann das, was ich brauche, um zu erkennen:
Schau, wie weit du schon gekommen bist.
Vielleicht werde ich eines Tages wieder an einem Punkt stehen, an dem ich nicht weiterweiß.
Vielleicht werde ich wieder vor einer Wand stehen.
Vielleicht werde ich einen Weg zurückgehen müssen.
Und dann möchte ich meinen Lebenskompass aufschlagen können.
Nicht, damit er mir sagt, was ich jetzt tun muss.
Sondern damit er mich daran erinnert:
Ich war schon einmal hier.
Ich habe schon einmal gedacht, dass es nicht weitergeht.
Und doch ging es weiter.
Ich habe einen anderen Weg gefunden.
Ich habe mich verändert.
Ich bin weitergegangen.
Mein Lebenskompass ist deshalb mehr als ein Tagebuch
Er ist eine Erinnerung an mich selbst.
An das, was ich war.
An das, was ich geworden bin.
An das, was ich gelernt habe.
An das, was ich überwunden habe.
Und an das, was noch in mir liegt.
Ich schreibe nicht, um meinen Weg festzulegen.
Ich schreibe, um ihn wiederzuerkennen.
Damit ich mich auch in schwierigen Zeiten daran erinnern kann:
Ich bin nicht wieder am Anfang.
Ich bringe meinen ganzen Weg mit.
Alles, was ich erlebt habe.
Alles, was ich gelernt habe.
Jede Entscheidung.
Jeden Umweg.
Jeden kleinen Schritt.
Und vielleicht ist genau das die schönste Aufgabe eines Lebenskompasses:
Er zeigt mir nicht den perfekten Weg.
Er erinnert mich daran, dass mein Weg meiner ist.
Ich darf wählen.
Ich darf umkehren.
Ich darf einen anderen Weg nehmen.
Ich darf mich verirren.
Ich darf zweifeln.
Und ich darf trotzdem weitergehen.
Denn tief in mir gibt es dieses Licht.
Mein wahres Ich.
Und egal, welchen Weg ich gehe:
Ich möchte immer näher zu mir kommen.
Vielleicht ist das mein Lebenskompass.
Nicht die Frage:
Welchen Weg muss ich gehen?
Sondern:
Was bringt mich wieder näher zu mir?
Und so gehe ich weiter.
Mal leicht.
Mal schwer.
Mal voller Vertrauen.
Mal mit klopfendem Herzen.
Aber immer mit diesem Licht in meiner Mitte.
Mein innerer Norden.
Mein wahres Ich.
Mein Zuhause.