
Manchmal versteht man einen Satz erst später

Ich habe in den letzten Tagen viel geschrieben.
Über Gedanken.
Über Erinnerungen.
Über Dinge, die plötzlich wieder auftauchten.
Über Wahrnehmung.
Über das Puzzeln.
Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich über mich selbst lachen.
Denn offenbar bin ich schon wieder einem meiner liebsten Irrtümer aufgesessen:
Ich dachte, ich müsste etwas verstehen.
Dabei musste ich es zunächst nur wahrnehmen.
Vor einiger Zeit kam mir morgens ein Satz in den Sinn:
„Auf dem Weg nach Hause gehst du nirgendwo hin, mein Kind.“
Ich konnte mit diesem Satz lange nicht wirklich etwas anfangen.
Ich hatte eine Ahnung, dass es um einen inneren Weg ging. Um das Nach-Hause-Kommen bei mir selbst.
Aber dieses „nirgendwo hin“ passte für mich einfach nicht.
Also habe ich ihn immer wieder bewegt.
Von einer Seite.
Von der anderen.
Vielleicht bedeutet er das.
Nein.
Vielleicht so.
Auch nein.
Nun ja.
Offenbar war ich noch nicht so weit.
Dann kam mein Urlaub.
Ich bin nirgendwo hingefahren.
Ich war einfach zu Hause.
Und trotzdem ist in dieser Zeit unglaublich viel passiert.
Ich habe geschrieben.
Nachgedacht.
Alte Texte gelesen.
Erinnerungen betrachtet.
Zusammenhänge entdeckt.
Ich habe gepuzzelt.
Ohne zu wissen, dass ich puzzle.
Und irgendwann begann ich zu verstehen, dass manche Dinge nicht neu entstehen müssen, damit etwas Neues sichtbar wird.
Manchmal verändert sich nur der Blickwinkel.
Wie bei einem Kaleidoskop.
Die einzelnen Teile sind dieselben.
Aber plötzlich ergeben sie ein anderes Bild.
Und dann kam dieser eine Moment.
Ich erinnerte mich wieder an den alten Satz.
„Auf dem Weg nach Hause gehst du nirgendwo hin, mein Kind.“
Und plötzlich musste ich lachen.
Denn auf einmal war er vollkommen klar.
Ich war auf dem Weg nach Hause.
Und ich bin nirgendwo hingegangen.
Ich war die ganze Zeit zu Hause.
Nur eben auf einem anderen Weg.
Nach innen.
Vielleicht ist das manchmal genau das Schwierige an solchen Sätzen:
Sie sagen nicht unbedingt etwas, das wir noch nicht wissen.
Vielleicht sagen sie etwas, das wir noch nicht erkennen können.
Die Antwort kann bereits in uns liegen.
Der Gedanke kann schon längst da sein.
Ein Satz kann geschrieben sein.
Eine Erinnerung kann vorhanden sein.
Und trotzdem fehlt noch etwas.
Nicht die Antwort.
Der Blickwinkel.
Bis irgendwann ein weiteres kleines Stück auftaucht.
Und plötzlich macht es:
Klick.
Nicht unbedingt laut.
Nicht spektakulär.
Manchmal einfach so, dass man dasitzt und denkt:
„Ach … darum.“
Und dann muss man vielleicht ein bisschen über sich selbst lachen.
Weil man wochenlang versucht hat, etwas zu verstehen, das sich irgendwann ganz von allein erklärt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich inzwischen anders auf die kleinen Dinge schaue.
Ein Gedanke, der auftaucht.
Eine Erinnerung.
Eine körperliche Wahrnehmung.
Ein Wort, das plötzlich wichtig wird.
Ich muss nicht sofort wissen, wohin es gehört.
Vielleicht reicht es, es wahrzunehmen.
Es darf erst einmal liegen bleiben.
In meiner großen Schublade mit der Aufschrift:
Geduld.
Denn vielleicht kommt irgendwann genau das Stück, das die Verbindung herstellt.
Und dann wird aus vielen einzelnen Dingen plötzlich ein Bild.
Nicht, weil etwas Neues entstanden ist.
Sondern weil ich endlich den Blickwinkel gefunden habe, aus dem ich erkennen kann, was schon die ganze Zeit da war.
Und vielleicht ist genau das mein Weg nach Hause.
Ich muss nirgendwo hin.
Ich darf einfach weiter bei mir ankommen.
Und wenn dabei wieder ein Puzzleteil auftaucht, nehme ich es eben mit.
Wer weiß.
Vielleicht brauche ich dafür irgendwann eine größere Schublade.